Moderne KI-Agenten können historische Kryptogramme automatisiert analysieren, Schlüssel testen und Programme erstellen - ein Fortschritt im Workflow, jedoch kein Durchbruch in der reinen Kryptoanalyse. Zwei aktuelle Fälle illustrieren das Spannungsfeld zwischen medialem Hype und kryptografischer Routine: die Entschlüsselung eines ADFGVX-Funkspruchs aus dem Ersten Weltkrieg und die Aufklärung einer Enigma-Nachricht von 1941.

Hintergrund zur ADFGVX-Chiffre und ihrer Quellensammlung

Die ADFGVX-Verschlüsselung wurde im März 1918 von Oberstleutnant Fritz Nebel für das deutsche Heer entwickelt. Sie kombiniert Substitution und Transposition: Buchstaben und Ziffern (insgesamt 36 Zeichen - 26 Buchstaben + 10 Ziffern) werden über eine 6 × 6-Matrix in die sechs Morse-Kürzel A, D, F, G, V, X übersetzt. Anschließend ordnet ein Schlüsselwort die Positionen in der Matrix.

Eine umfangreiche Sammlung ungelöster ADFGVX-Funksprüche wurde von George Lasry zusammen mit Klaus Schmeh auf scienceblogs.de kuratiert. Die Liste enthält etwa 20 bis 50 noch nicht entschlüsselter Nachrichten (Stand 2017). Lasry betont, dass fast alle Schlüssel jener Epoche überliefert sind; die meisten ungelösten Fälle resultieren aus Übertragungsfehlern oder falschen Datumszuordnungen.

Statistik zur ADFGVX-Matrix

  • Zeichenvorrat: 36 Zeichen (Buchstaben + Ziffern) - Quelle S1, 1918.
  • Anzahl ungelöster Funksprüche in Lasrys Sammlung: ca. 20 - 50 - Quelle S1, 2017.

KI-Lösung des ADFGVX-Funkspruchs Ende November 1918

Ein Entwickler, der sich "Prinz" nennt, setzte das KI-Modell GPT-6 Astra ein, um einen Funkspruch vom Ende November 1918 zu entschlüsseln. Die KI wählte das bereits bekannte Schlüsselwort "Truppenverschiebung" - ein Schlüssel, der in historischen Verzeichnissen erst ab Anfang Dezember 1918 dokumentiert war. Durch das Testen dieses Schlüssels gelang die Entschlüsselung, wobei der resultierende Klartext den Ankunftsbericht eines englischen Kreuters im Hafen Sewastopol und ein anschließendes alliiertes Geschwader beschreibt. Historische Logbücher bestätigten die Plausibilität der Daten.

Die Vorgehensweise zeigte, dass kein neues kryptanalytisches Verfahren angewandt wurde; vielmehr handelte es sich um das systematische Schließen einer historischen Zuordnungslücke.

Warum der Funkspruch zunächst als ungelöst galt

  • Der Schlüssel "Truppenverschiebung" war erst ab Dezember 1918 nachgewiesen (S1).
  • Frühere Forscher hatten den Schlüssel nicht rückwirkend auf November-Nachrichten angewendet.

Details zum Enigma-Funkspruch "MVUEH" vom 10. Juli 1941

Der 82-Zeichen-Funkspruch mit der Kennung MVUEH stammt aus dem CryptoCellar-Archiv, einem Forschungsprojekt von Kryptohistorikern Frode Weierud und Geoff Sullivan. Jahrzehntelang blieb die Nachricht unknackbar, weil kurze Texte ohne bekannten Klartextbestandteil (Crib) schwer zu verifizieren sind.

Entwickler Carter Leffen nutzte das KI-Modell, um den bekannten Ortsnamen "Rosenow" als Crib zu verwenden. Das KI-System durchsuchte eigenständig Archive, programmierte einen Enigma-Simulator und testete 14,8 Millionen Schlüsselkombinationen innerhalb von etwa zehn Stunden. Der Angriff führte zur vollständigen Entschlüsselung des Textes.

Statistik zum Enigma-Angriff

  • Länge der entschlüsselten Nachricht: 82 Zeichen - Quelle S2, 1941.
  • Anzahl getesteter Schlüssel: 14,8 Millionen - Quelle S2, 2026.
  • Dauer des KI-Laufs: ca. 10 Stunden - Quelle S2, 2026.
  • Theoretischer Enigma-Schlüsselraum (Heeres-Enigma I): ca. 1,58 × 10²⁰ (159 Trillionen) - Quelle S3, 1939.

Abgrenzung: KI als Automatisierungs-Agent vs. kryptografische Grundlagenforschung

Fachleute betonen, dass weder bei der ADFGVX- noch bei der Enigma-Entschlüsselung ein neues mathematisches Verfahren entwickelt wurde. Die bekannten Heuristiken und Crib-Methoden stammen bereits aus den 1930er- und 1940er-Jahren (Rejewski, Turing). Der eigentliche Mehrwert liegt in der Fähigkeit moderner KI-Agenten, historische Archive eigenständig zu durchsuchen, passende Simulationsskripte zu schreiben und massive Schlüsseltests zu orchestrieren.

Damit stellt die KI-gestützte Arbeit einen Fortschritt im Bereich des Agentic Workflow und Software-Engineerings dar, nicht jedoch in der reinen Kryptoanalyse.

Risiken und Gegenargumente

  • Fehlende Peer-Review bei der ADFGVX-Meldung: Die Entschlüsselung beruht bisher nur auf einem Entwickler-Blogbeitrag und ist in der Fachcommunity nicht formal gegengeprüft (S1).
  • Gefahr von Scheinkorrelationen: Bei kurzen Kryptogrammen (< 100 Zeichen) können Brute-Force-Suchen zufällig lesbare deutsche Fragmente erzeugen; historische Plausibilitätsprüfungen sind zwingend notwendig.

FAQ - häufig gestellte Fragen

Warum galt der ADFGVX-Funkspruch von Ende November 1918 überhaupt als ungelöst?Weil der Schlüssel "Truppenverschiebung" in historischen Verzeichnissen erst für den Zeitraum ab Anfang Dezember 1918 dokumentiert war und vorherige Forscher ihn nicht rückwirkend für Funksprüche aus dem November getestet hatten (S1).Hat die KI ein neues mathematisches Prinzip zum Knacken der Enigma entdeckt?Nein. Die mathematischen Grundlagen zum Brechen der Enigma mittels Cribs stammen aus den 1930er- und 1940er-Jahren von Rejewski und Turing; die KI agierte vielmehr als autonomes Software-Werkzeug, das bekannte Heuristiken implementierte (S2, S3).Wer hat die historische Enigma-Nachricht ursprünglich archiviert?Die Nachricht MVUEH stammt aus dem CryptoCellar-Projekt der Kryptohistoriker Frode Weierud und Geoff Sullivan, die Wehrmacht-Funksprüche digitalisieren und für Kryptoanalysten bereitstellen (S3).

Noch keine unabhängige Bestätigung

Für die ADFGVX-Entschlüsselung fehlt bislang eine unabhängige wissenschaftliche Bestätigung; die Chiffre bleibt auf scienceblogs.de als nicht decodiert gelistet. Im Gegensatz dazu wurde die Enigma-Lösung von unabhängigen Tester:innen bestätigt und vom CryptoCellar-Archiv anerkannt.

Fazit

Die KI-gestützten Entschlüsselungen von ADFGVX- und Enigma-Nachrichten demonstrieren eindrucksvoll, wie moderne Agenten Routineaufgaben der Kryptanalyse automatisieren können. Sie zeigen das Potenzial, historische Archive zu durchsuchen, passende Cribs zu finden und massive Schlüsseltests ohne menschliches Eingreifen durchzuführen. Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass keine neuen kryptografischen Theorien entwickelt wurden - die Lösungen beruhen auf bekannten Heuristiken und historischen Schlüsseln. Der eigentliche Durchbruch liegt daher im Bereich des autonomen Software-Engineerings, nicht in der Grundlagenforschung der Kryptoanalyse.