Ein Citizen-Science-Projekt der Universität Zürich und des Bundesamtes für Landwirtschaft (Agroscope) hat im Jahr 2026 mit mehr als 1.000 Freiwilligen und über 2.000 vergrabenen Baumwollunterhosen sowie 12.000 Teebeuteln überraschende Einblicke in die Bodengesundheit der Schweiz gewonnen. Die Ergebnisse zeigen, dass private Gärten deutlich aktiver sind als künstlich gepflegte Rasenflächen und lieferten dem Forschungsteam den Ig-Nobelpreis.
Methodik: Unterhosen- und Tea-Bag-Index im Einsatz
Die zentrale Messgröße war die Zersetzung von Baumwollunterwäsche, die als natürlicher Bioindikator für mikrobiologische Aktivität dient. Bodenorganismen zersetzen das Material je nach Nährstoffgehalt und Humusanteil unterschiedlich schnell. Parallel dazu wurde die international anerkannte "Tea Bag Index"-Methode eingesetzt, bei der 12.000 standardisierte Teebeutel vergraben wurden, um die Zersetzungsrate objektiv zu validieren.
- Vergrabene Baumwollunterhosen: >2.000 Stück, von über 1.000 Freiwilligen platziert.
- Vergrabene Teebeutel zur Validierung: 12.000 Stück (2026), nach globaler Methode zur Erfassung mikrobieller Zersetzungsrate.
- Messzeitraum: Zwei Monate bis zur Ausgrabung und Analyse.
Zersetzungsgrad in privaten Gärten vs. Rasenflächen
Die Auswertung der vergrabenen Unterhosen ergab deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Landnutzungen:
- Privatgärten: 58 % des Baumwollgewebes nach zwei Monaten zersetzt (2026, Quelle S1).
- Rasenflächen: weniger als 40 % des Gewebes abgebaut (2026, Quelle S1).
Diese Zahlen belegen, dass Gärten - dank hohem Humus- und Kompostgehalt - eine besonders lebendige mikrobiologische Aktivität aufweisen. Der höhere Zersetzungsgrad unterstützt nicht nur die Nährstoffkreisläufe, sondern erhöht auch die Widerstandsfähigkeit des Bodens gegenüber Trockenperioden.
Humusdefizit auf konventionellen Ackerflächen
Eine Vergleichsanalyse aus früheren Agroscope-Projekten (2022) zeigte, dass konventionelle Ackerflächen im Schnitt 23 % weniger Humus enthalten als Privatgärten. Das geringere Humusniveau wirkt sich negativ auf Bodenstruktur, Wasserspeicherfähigkeit und Anbauvielfalt aus.
- Humusgehalt auf landwirtschaftlichen Äckern: 23 % geringer im Vergleich zu Privatgärten (2022, Quelle S2).
Bedeutung für Agrarökologie und Nachhaltigkeit
Die Methode bietet einen niederschwelligen Zugang zur Bodenforschung und hebt zentrale Fragestellungen der Agrarökologie hervor:
- Humusabbau und Nährstoffdynamik.
- Einfluss der Landnutzung auf biologische Bodenaktivität.
- Potential urbaner Gärten als Beitrag zur regionalen Nahrungsversorgung und Bodengesundheit.
Durch die Einbindung von Bürger*innen wird das Bewusstsein für die Bedeutung gesunder Böden im Alltag gestärkt.
Kritische Betrachtung: Grenzen und Risiken der Methode
Obwohl die Ergebnisse überzeugend sind, gibt es zwei wesentliche Gegenpunkte, die bei der Interpretation zu berücksichtigen sind:
- Schneller Abbau bedeutet nicht automatisch gesunden Boden: Eine übermäßige Zersetzung kann auf Fehlregelungen, Überdüngung und damit verbundene Nährstoffverluste sowie Schadstoffeinträge ins Grundwasser hinweisen.
- Materialische Begrenzungen: Synthetische Bestandteile wie Gummibänder verrotten nicht und erfordern eine sorgfältige Entnahme, um Mikroplastik im Boden zu vermeiden.
FAQ zur Bodenfruchtbarkeits-Studie
Warum wird für das Bodenfruchtbarkeits-Experiment Baumwollunterwäsche verwendet?Die Baumwolle dient als natürlicher, leicht vergänglicher Bioindikator. Mikroorganismen im Boden zersetzen sie entsprechend der Aktivität und Nährstoffreichtum des Bodens. Je aktiver der Boden, desto stärker ist der Abbau.Gibt es Alternativen oder andere, bewährte Bodenanalysemethoden?Ja, beispielsweise der Tea Bag Index, eine international standardisierte Methode, um die Zersetzung organischer Substanzen zu beobachten. Im Projekt wurden 12.000 Teebeutel parallel zur Unterhose vergraben, um die Ergebnisse zu verifizieren.Stimmen aus dem Projektteam
Franz Bender von Agroscope erklärte im Interview mit der MIT Technology Review, dass die meisten Menschen zunächst ungläubig reagieren, dann lächeln und schließlich nach dem "Warum?" fragen. Dieses Interesse nutze das Team, um die Bedeutung gesunder Böden für den Planeten zu vermitteln und weitere Freiwillige zu motivieren.
Auszeichnung mit dem Ig-Nobelpreis
Im September 2026 erhielten die Forschenden der Universität Zürich und Agroscope für die Studie "Die Bewertung der Bodengesundheit durch die Verwendung von Baumwollunterhosen mit der Hilfe von 1.000 Citizen Scientists" den Ig-Nobelpreis. Der Preis würdigt Forschung, die zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregt - ein passender Abschluss für ein Projekt, das Wissenschaft mit Alltagsgegenständen verbindet.
Fazit
Das Citizen-Science-Projekt hat gezeigt, dass private Gärten dank hohem Humus- und Kompostanteil eine signifikant höhere mikrobiologische Aktivität aufweisen als herkömmliche Rasenflächen. Die Kombination aus einer kreativen, niederschwelligen Messmethode (vergrabene Unterhosen) und der wissenschaftlich validierten Tea-Bag-Index-Methode liefert robuste Daten, die nicht nur den Ig-Nobelpreis rechtfertigen, sondern auch wichtige Impulse für die Agrarökologie und nachhaltige Landnutzung geben. Gleichzeitig mahnen die Gegenpunkte - insbesondere die Gefahr von Überdüngung und die Notwendigkeit, synthetische Materialien zu vermeiden - zu einer kritischen und verantwortungsbewussten Anwendung der Methode.