Das chinesische Unternehmen WeLion New Energy positioniert sich als Vorreiter bei der Entwicklung von Semi-Solid-State- und Festkörperbatteriezellen, die das Potenzial haben, klassische Lithium-Ion-Akkus grundlegend zu übertreffen. Durch einen Laborrekord von 824 Wh/kg, erste Praxistests im Nio-ET7 und geplante Einsätze in Binnenschiffen und Drohnen demonstriert WeLion einen klaren Technologiewechsel - gleichzeitig zeigen sich aber auch die hohen Produktionskosten und die noch bestehenden Skalierungsherausforderungen.
Laborrekord: 824 Wh/kg - ein Quantensprung im Vergleich zu herkömmlichen Lithium-Ion-Zellen
Ende 2025 veröffentlichte WeLion-Chef Yu Huigen einen Rekordwert von 824 Wh/kg für einen Laborprototypen. Dieser Wert liegt fast dreimal so hoch wie die typischen Energiedichten marktüblicher flüssiger Lithium-Ion-Pakete, die 2024 im Industriestandard zwischen 160 und 280 Wh/kg lagen. Der Laborwert bezieht sich auf die gravimetrische Energiedichte einer einzelnen Zelle und bildet damit die Basis für das ambitionierte Ziel des Unternehmens, langfristig Energiedichten von über 1.000 Wh/kg zu erreichen.
- Laborprototyp (2025): 824 Wh/kg (Zellebene)
- Marktübliche Li-Ion-Pakete (2024): 160-280 Wh/kg
- Langfristiges Ziel von WeLion: >1.000 Wh/kg
Der Unterschied zwischen Labormessungen und serienreifem Produkt wird dabei explizit betont: Während die Laborwerte die theoretischen Möglichkeiten zeigen, muss die Serienfertigung noch die Herausforderungen von Zyklusfestigkeit, Ladezeit und Ausbeute bewältigen.
Praxiserprobung im Nio-ET7: 360 Wh/kg Zellen und 1.044 km Reichweite
Seit 2023 liefert WeLion Semi-Solid-State-Zellen mit einer Energiedichte von 360 Wh/kg an den chinesischen Elektroautobauer Nio. In einem 150-kWh-Batteriepaket ermöglichte diese Technologie eine Testfahrt des Nio-ET7 über 1.044 km mit einer einzigen Ladung - ein klarer Beweis für die Anwendbarkeit über das Labor hinaus.
- Energiedichte der Nio-Zelle (2023): 360 Wh/kg (111 Ah/106 Ah, gemischter Elektrolyte)
- Reichweite im Fahrtest (2023): 1.044 km bei voller Ladung
- Produktionsvolumen: rund 200 Packs als Kleinserie im Akkutauschsystem
Die extrem hohen Produktionskosten, insbesondere für Sulfid-basierte Festkörperelektrolyte, machten die Serienproduktion bislang unattraktiv für den Massenmarkt. Die Kosten für das Nio-150-kWh-Paket sollen fast dem Preis eines Mittelklassefahrzeugs entsprechen, weshalb das Modell zunächst nur im Miet- und Wechsellizenzmodell angeboten wurde.
Geplante Anwendungen jenseits des Pkw: Binnenschiffe und Drohnen
WeLion erweitert die Einsatzfelder seiner Batterietechnologie auch auf die maritime Logistik und die Luftfahrt für niedrige Flughöhen. Im Herbst 2026 sollen zwei Binnenfrachtschiffe in Huzhou jeweils mit 4.000 kWh-Batteriepaketen ausgestattet werden, die eine Reichweite von rund 250 km ermöglichen. Parallel dazu werden Semi-Solid-State-Zellen für Transportdrohnen mit einer geplanten Energiedichte von 410 Wh/kg entwickelt.
- Binnenschiff-Projekt (2026): 4.000 kWh pro Schiff, ca. 250 km Fahrtstrecke
- Drohnenzellen (2026): 410 Wh/kg, Zielmarkt Low-Altitude Economy
Diese Projekte verdeutlichen, dass die Technologie nicht nur für den Straßenverkehr, sondern auch für schwere Schiffsantriebe und leichte Luftfahrzeuge skalierbar sein soll.
Herausforderungen und Risiken der Serienfertigung
Obwohl die technischen Daten vielversprechend sind, gibt es zwei zentrale Risikofaktoren, die den Durchbruch verzögern können:
- Enorme Herstellungs- und Materialkosten: Sulfid-basierte Festkörperelektrolyte sind in der Synthese sehr teuer. Die ersten Nio-150-kWh-Pakete kosteten fast so viel wie ein komplettes Mittelklassefahrzeug.
- Laborergebnisse noch nicht großserientauglich: Sehr hohe Energiedichten im Labor scheitern häufig an Zyklusfestigkeit, Ladezeiten unter Realbedingungen, Druckanforderungen an die Zelle sowie geringer Ausbeute in der Massenfertigung.
WeLion plant jedoch, bis 2027 eine Voll-Festkörperbatterie für Pkw mit einer Ziel-Energiedichte von 400 Wh/kg zu realisieren. Experten gehen davon aus, dass bezahlbare Großserien für den Massenmarkt erst ab etwa 2030 verfügbar sein könnten.
FAQ: Semi-Solid-State vs. echte Festkörperbatterien
Was unterscheidet 'Semi-Solid-State' von echten Festkörperbatterien?Semi-Solid-State-Zellen nutzen eine Mischung aus festen und geringen Mengen flüssiger oder gelartiger Elektrolyte. Diese Kombination erleichtert den Ionentransport an den Grenzflächen und erlaubt die Nutzung herkömmlicher Fertigungsanlagen. Vollständig feste Festkörperbatterien hingegen erfordern komplett neue Produktionsprozesse, die noch erhebliche technologische Hürden mit sich bringen.Wann kommen Elektroautos mit diesen Akkus flächendeckend auf den Markt?Erste Semi-Solid-State-Modelle sind bereits in China in Nischen im Einsatz. WeLion strebt die Serienreife einer reinen Pkw-Festkörperbatterie mit rund 400 Wh/kg für etwa 2027 an. Für den breiten Massenmarkt erwarten Branchenexperten eher eine Verfügbarkeit ab 2030.Fazit
WeLion New Energy liefert mit dem Laborrekord von 824 Wh/kg, den realen Tests im Nio-ET7 und den geplanten Projekten für Schiffe und Drohnen überzeugende Evidenz für das Potenzial von Semi-Solid-State- und Festkörperbatterien. Die Technologie verspricht nicht nur dreifach höhere Energiedichten und damit Reichweiten von über 1.000 km im Pkw-Bereich, sondern auch sichere, emissionsfreie Antriebe für maritime und luftgestützte Anwendungen. Gleichzeitig zeigen die bisher hohen Material- und Fertigungskosten sowie die noch offene Skalierbarkeit im Serienbetrieb, dass der Weg von Laborprototypen zu einer massentauglichen Lösung noch Hürden birgt. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, ob WeLion die ambitionierten Ziele von über 1.000 Wh/kg und einer wirtschaftlich rentablen Serienproduktion realisieren kann - ein Fortschritt, der die gesamte Elektromobilitätslandschaft nachhaltig verändern könnte.