Die Kommerzialisierung der Kernfusion verspricht eine grundlastfähige, CO₂-freie Energieversorgung ohne hochradioaktiven langlebigen Atommüll. Deutschland positioniert sich durch Rekordinvestitionen und staatliche Förderprogramme als internationaler Technologiehub. In diesem Umfeld kämpfen drei deutsche Startups - Proxima Fusion, Focused Energy und Marvel Fusion - um die Vorherrschaft beim ersten kommerziellen Fusionskraftwerk. Jeder verfolgt einen eigenen physikalischen Pfad, zieht massive Kapitalmengen an und nutzt alte Kernkraftwerksstandorte als Reallabore.

Finanzierungsrunden und Schlüsselinvestoren

Im Sommer 2026 sammelte Proxima Fusion in einer Serie-A2-Finanzierungsrunde 411 Millionen Euro ein. Die Runde wurde von Investoren wie Google, RWE und dem Bundesprogramm SPRIND unterstützt und führte zu einer Unternehmensbewertung von 2,4 Milliarden Euro (Quelle S1).

Parallel dazu sicherte sich Focused Energy in einer Serie-A-Runde 240 Millionen US-Dollar (etwa 225 Millionen Euro) von RWE, SPRIND und dem EIC Fund (Quelle S2). Im Rahmen dieser Finanzierung investierte RWE zusätzlich 60 Millionen Euro in das Unternehmen (Jahr 2026).

Marvel Fusion erweiterte seine Finanzierung im Jahr 2025 mit einer Serie-B-Runde auf 113 Millionen Euro, unterstützt von EQT Ventures, Siemens Energy und dem European Innovation Council Fund (Quelle S3).

Der Bund stellt im Aktionsplan "Fusion 2040" ein Fördervolumen von über 1,7 Milliarden Euro für die Jahre 2025/2026 bereit (Quelle S4). Zusätzlich sind bis 2029/2030 weitere 2 Milliarden Euro für die Fusionsförderung geplant.

Technologische Konzepte der drei Startups

Die drei Unternehmen setzen auf grundlegend unterschiedliche physikalische Pfade zur Zündung des Fusionsprozesses:

  • Proxima Fusion: Magnetischer Einschluss im weiterentwickelten Stellarator (QI-HTS-Design), basierend auf dem Wendelstein 7-X. Ziel ist ein kontinuierlich brennender Plasmazustand im Demonstrator "Alpha".
  • Focused Energy: Laserbasierte Trägheitsfusion mit Deuterium-Tritium-Kapseln. Hochleistungslaser sollen die Kapseln am ehemaligen AKW-Gelände Biblis komprimieren.
  • Marvel Fusion: Ultrakurz-Puls-Laser in Kombination mit nanostrukturierten Fusionstreibstoffen (Proton-Bor-Konzepte). Ziel ist eine Zündung ohne langanhaltende Megawatt-Dauerpulse.

Nach dem Investitionsboom von Proxima Fusion folgt ein erläuternder Absatz: Hinter dem Investitionsboom steht ein Dreikampf der Konzepte: Während Proxima Fusion als Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik auf die kontinuierlich brennende Magnetfusion im Stellarator-Design setzt, verfolgen die Konkurrenten Focused Energy und Marvel Fusion die Trägheitsfusion per Laser. Focused Energy setzt dabei auf hochenergetische Laserbeschüsse ultrakalter Deuterium-Tritium-Targets und baut mit 240 Millionen US-Dollar frischem Kapital den Standort des ehemaligen AKW Biblis zum industriellen Fusions-Campus aus (Focused Energy/TU Darmstadt 2026). Marvel Fusion geht wiederum einen alternativen Weg und kombiniert Ultrakurz-Puls-Laser mit nanostrukturierten Brennstoffen, um eine Zündung ohne aufwendige Megawatt-Dauerpulse zu erreichen.

Reallabore an ehemaligen AKW-Standorten

Energieversorger wie RWE nutzen stillgelegte Kernkraftwerksgelände, um die Infrastruktur für Fusionsprojekte zu beschleunigen. Zwei Standorte stehen im Fokus:

  • Biblis (Hessen): Dient Focused Energy als "Fusion Industrialization Campus". Das Gelände bietet bereits Netzanschlusspunkte, gesicherte Flächen und etablierte Industrieinfrastruktur.
  • Gundremmingen (Bayern): Im Rahmen eines Memorandum of Understanding (MoU) ist das Gelände für Proxima Fusion vorgesehen, um dort das kommerzielle Kraftwerk "Stellaris" zu realisieren.

Die Nutzung dieser Standorte verkürzt die Bauzeit von Demonstratoren um mehrere Jahre, weil Genehmigungsstrukturen und Netzanbindungen bereits existieren.

Staatliche Rahmenbedingungen und das Förderprogramm "Fusion 2040"

Die Bundesregierung unterstützt den privaten Wettlauf mit dem Förderprogramm "Fusion 2040" und etabliert regionale Hubs, zum Beispiel den Laserfusion-Hub Hamburg/Biblis und den Magnetfusion-Hub bei München. Das Programm fordert ein eigenständiges, innovationsfreundliches Fusionsgesetz, das außerhalb des klassischen Atomgesetzes liegt, weil Fusionsreaktoren keine Kettenreaktion und keine langlebigen Spaltprodukte erzeugen.

Die geplanten Fördermittel von über 1,7 Milliarden Euro (2025/2026) und ein Gesamtinvestitionsrahmen von 2 Milliarden Euro bis 2030 bilden das finanzielle Rückgrat für Forschung, Infrastruktur und Public-Private-Partnerships.

Risiken und kritische Einschätzungen

  • Materialermüdung und Brennstoffkreislauf: Extreme Neutronenflüsse belasten Reaktorwände massiv. Die weltweite Verfügbarkeit von Tritium bleibt für DT-Reaktoren eine gravierende technische Hürde.
  • Diskrepanz zwischen Zeitplänen und kommerzieller Skalierbarkeit: Die Startups peilen Inbetriebnahme-Zeithorizonte Mitte der 2030er-Jahre an, während unabhängige Fachleute auf verbleibende systemische Integrationsprobleme und unklare Stromgestehungskosten verweisen.

FAQ

  • Worin unterscheiden sich Magnetfusion und Laserfusion grundlegend? Bei der Magnetfusion (z. B. Stellarator von Proxima Fusion) wird ein heißes Plasma über Magnetfelder dauerhaft in der Schwebe gehalten. Bei der Laserfusion (z. B. Focused Energy und Marvel Fusion) komprimieren hochenergetische Laserpulse winzige Brennstoffkapseln in Sekundenbruchteilen impulsartig zur Zündung.
  • Warum investieren Versorger wie RWE in stillgelegte Atomkraftwerke für Fusionsenergie? Stillgelegte Kernkraftwerke verfügen bereits über hochbelastbare Netzanschlusspunkte, gesicherte Flächen und eine etablierte Industrieinfrastruktur, was die Bauzeit von Fusionsdemonstratoren um Jahre verkürzen kann.
  • Benötigt Kernfusion eine Genehmigung nach dem klassischen Atomgesetz? Da Fusionsreaktoren keine Kettenreaktion aufweisen und keine langlebigen hochradioaktiven Spaltprodukte erzeugen, plant die Bundespolitik einen separaten, entbürokratisierten Rechtsrahmen außerhalb des Atomgesetzes.

Fazit

Der Wettlauf um das erste deutsche Fusionskraftwerk ist von drei klar differenzierten technologischen Pfaden, milliardenschweren Finanzierungsrunden und einer gezielten staatlichen Förderstrategie geprägt. Proxima Fusion setzt auf den magnetischen Stellarator, Focused Energy auf die laserbasierte Trägheitsfusion mit Deuterium-Tritium, und Marvel Fusion verfolgt ein Proton-Bor-Konzept mit Ultrakurz-Puls-Lasern. Die Nutzung ehemaliger AKW-Standorte schafft ein praktisches Fundament, während das Förderprogramm "Fusion 2040" das notwendige Finanzpolster liefert. Trotz erheblicher Risiken - insbesondere Materialermüdung und Brennstoffkreislauf - bleibt die Aussicht auf CO₂-freie Grundlastenergie ein starkes Motiv für Investoren, Industrie und Politik. Die nächsten Jahre werden zeigen, welches Konzept die kritischen Hürden überwinden und das erste kommerzielle Fusionskraftwerk in Deutschland realisieren kann.